Neue Wiener Tagblatt: 10. Mai 1933

Ein Beitrag auf der Titelseite der Abendausgabe des „Neuen Wiener Tageblattes“ vom 11. Mai 1933 über die Bücherverbrennung auf dem Opernplatz in Berlin:

„In dem großen Bücherbrand, den gestern die deutsche Studentenschaft auf dem Opernplatz in Berlin veranstaltete, kam so recht der irregeleitete Idealismus zum Ausdruck, der die Massen der akademischen deutschen Jugend beherrscht. Man hat für den Scheiterhaufen wahllos Schriften zusammengetragen, die man unter der Marke ‘undeutscher Geist’ aus Leih- und Volksbibliotheken ausgesondert hatte. Zweifellos befanden sich darunter Bücher minderen Wertes, die den Namen ‘großstädtische Asphaltliteratur’ reichlich verdienen. Im Übereifer wurden jedoch auch Bücher gebrandmarkt, die in der ganzen Welt als Zeugnisse reifster deutscher Erzählerkunst gelten. Von vielen Werken emsigen und ehrlichen Forscherwillens zu schweigen, die gleichfalls ihre Anerkennung auch außerhalb Deutschlands gefunden haben. Die Studenten übergaben die Bücher dem Feuer, weil sie ihnen ‘undeutsch’ scheinen. Vielleicht sind die jungen Leute, die sich an diesem Werk beteiligt haben, sich über den umfassenden und in die Weite strebenden Begriff des Deutschtums im geistigen Sinne noch gar nicht klar. Es gibt einen unerbittlichen Richter über das, was echt und unecht, national und unnational im wissenschaftlichen und künstlerischen Schaffen einer Generation ist. Dieser Richter ist die Zeit. Sie sondert unnachsichtig Weizen von Spreu.

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